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Am Puls der Zeit: ESHRE 2016

Das weltweit größtes Treffen von Kinderwunschspezialisten in Helsinki/ Finnland bestach einmal mehr durch zahlreiche internationale Besucher und Beiträge, sowie neue Erkenntnisse rund um das Thema Kinderwunschmedizin.

Bereits am Abend des 3. Juli 2016 verkündete die schwedische Embryologin und Vorsitzende der Eröffnungsveranstaltung, Dr Kersti Lundin, mit sichtbarem Stolz, dass es bereits mehr als 9600 angemeldete Teilnehmer für die diesjährige Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für menschliche Fortpflanzung und Embryologie (ESHRE) in Helsinki gebe. Die Veranstaltung ist seit ihrem Geburtsjahr schier unglaublich gewachsen, wenn man bedenkt, dass es im Jahre 1984 (die erste Jahrestagung) gerade einmal 500 (!) Teilnehmer gegeben hatte.
Auch die Anzahl der eingereichten Abstracts ist beachtlich: 1764 waren es 2016. Jedes Abstract, so nennt man in der wissenschaftlichen Welt die Zusammenfassung eines Forschungsprojektes, hat einen festgelegten Aufbau aus einer kurzen Einführung, einer Darstellung der verwendeten Materialien und Methoden, der Schilderung der wichtigsten Ergebnisse und schließlich einer kurzen Diskussion dieser Befunde. Bei weitem nicht jede eingereichte Wissenschaftsarbeit schafft es, in den honorigen Rang derer aufgenommen zu werden, die bei einer solch hochrangigen Tagung auch präsentiert werden dürfen. Nur wenn Fachkollegen das Studiendesign als gut bewerten und die Ergebnisse als interessant genug, dürfen die Daten als Poster, oder eventuell sogar im Rahmen eines Vortrags, den Kollegen aus aller Welt vorgestellt werden – eine große Ehre für den Forscher / die Forscherin.

In diesem Jahr waren es drei Forschungsschwerpunkte, die unter den Experten besonders viel diskutiert wurden:
Zum einen ging es in vielen Diskussionen um den Sinn oder Unsinn des sogenannten Endometrium-Scratching. Bei dieser Methode soll durch ein leichten Anritzen der Gebärmutterschleimhaut ein verbessertes Einnisten des jungen Embryos erzielt werden. Während noch 2012 ein Übersichtsartikel des renommierten Cochrane Institutes von der Methode eher abriet, so lassen nun neue Ergebnisse aufhorchen: Bei der Anwendung im Rahmen einer Intrauterinen Insemination nämlich, scheint die Methode durchaus die Erfolgswahrscheinlichkeiten für eine Schwangerschaft und gesunde Geburt deutlich zu steigern.
Auch die Methoden zur genetischen Analyse eines im Labor heranwachsenden Embryos vor der Rückgabe an die Mutter (was national übrigens von den Gesetzgebern sehr unterschiedlich geregelt ist) sorgten für Gesprächsstoff. Momentan wird unter anderem das „next generation sequencing“ als besonders genaue und kostengünstige Methode geschätzt. Dabei handelt es sich um ein Verfahren der Hochdurchsatz-Sequenzierung, bei dem sich gleichzeitig Millionen verschiedener Anteile der Erbinformation analysieren lassen. Obwohl die Methode extrem genau ist, so scheint sie doch noch ihre Schwächen zu haben, denn fast ein Drittel der Embryonen, die hiermit als gesund beurteilt werden, nisten sich nicht erfolgreich in der Gebärmutter ein.
Vorgestellt wurde bei ESHRE nun eine neue Methode, bei der die Bestimmung der Menge an Erbinformation in den Mitochondrien mit in die Beurteilung einbezogen wird. Bei den Mitochondrien handelt es sich um die sogenannten „Kraftwerke“ der Zelle. Sie sind maßgeblich für die zelluläre Energiebereitstellung zuständig und enthalten auch eigene Erbinformation. Haben Embryonen nun Mitochondrien mit einer ungewöhnlich großen Menge an mitochondrialer Erbinformation, so scheint dies ein Hinweise dafür zu sein, dass der Embryo sich nur schwer in der Gebärmutter einnisten kann.
Schließlich galt die Aufmerksamkeit der Experten auch dem Einsatz sogenannter “Kryozyklen”. Hierbei werden die Embryonen zunächst schonend eingefroren, um dann der Frau erst in einem späteren Zyklus eingesetzt zu werden. Hintergrund ist die Beobachtung, dass die Stimulationsbehandlung zur Gewinnung der Eizellen bei manchen Frauen mit einem suboptimalen Aufbau der Gebärmutterschleimhaut einhergeht. Bislang wurde die Methode allerdings eher im „Notfall“ eingesetzt, etwa bei einer drohenden Überstimulation. Nun weisen Daten aus 12 großen US-amerikanischen Kinderwunschzentren darauf hin, dass die Methode eventuell auch in anderen Fällen sinnvoll sein könnte: insbesondere ältere Patientinnen scheinen von der Methode profitieren.
Um dies eindeutiger zeigen zu können, laufen gerade zwei großangelegte Studien in England und Holland, deren Ergebnisse mit Spannung erwartet werden.

 

Quellen:
1. Nastri CO, Gibreel A, Raine-Fenning N, et al. Endometrial injury in women undergoing assisted reproductive techniques. Cochrane Database Syst Rev. 2012; 7: CD009517.
2. Poster P-287, Endometrial scratching for pregnancy following sexual intercourse or intrauterine insemination (IUI): a Cochrane systematic review and meta-analysis.
3. Presentation O-059, Monday 4 July 2016, 16.15
Clinical implications of mitochondrial DNA quantification on pregnancy outcomes: a blinded prospective non-selection study
4.Presentation O-239, Wednesday 6 July 2016, 11.30
Multi-center study demonstrates freeze-all IVF protocols are correlated with higher ongoing pregnancy rates in women of advanced maternal age
5. Presentation o-123, Tuesday 5 July 2016, 10.00 Fewer live-births with repeated single embryo transfer as compared to initial double embryo transfer; time to question the efficacy of embryo cryopreservation?

Über den Autor

Dr. rer. nat. Birgit Wogatzky

Dr. rer. nat. Birgit Wogatzky

Die Diplom-Biologin und Ernährungsexperting Dr. rer. nat. Birgit Wogatzky befasst sich seit vielen Jahren mit den Bedürfnissen von Kinderwunschpaaren. Für den „fruchtbarkeit-blog“ berichtet sie immer wieder in allgemein verständlicher Weise von aktuellen Forschungserkenntnissen rund um das Thema „Lifestyle und Ernährung bei Kinderwunsch.

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